Kinder und Politik passen gut zusammen

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Mannheimer Politikwissenschaftler und VS-Autoren: Schon im ersten Grundschuljahr verfügen Kinder über klare politische Einstellungen

Wiesbaden, 04. Juli 2007. Bereits beim Eintritt ins Schulleben haben Kinder ein Bild von ihrer gesellschaftlichen und politischen Umwelt. Sie verfügen über politische Einstellungen und unterstützen demokratische Werte und Normen. Die Schule hat auf die weitere Entwicklung der politischen Orientierungen einen positiven Einfluss. Allerdings werden bestehende Unterschiede in den politischen Einstellungen, die Kinder unterschiedlicher Herkunft aufweisen, im Laufe des ersten Schuljahres kaum ausgeglichen. Zu diesen Ergebnissen kommen Mannheimer Politikwissenschaftler nach Befragung von etwa 800 Grundschulkindern, die zum Zeitpunkt ihrer Einschulung sowie nach ihrem ersten Schuljahr interviewt wurden. Das Projekt "Demokratie Leben Lernen" wird von einer Projektgruppe unter Leitung von Professor Jan W. van Deth am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) durchgeführt. In dem jetzt erschienenen Buch Kinder und Politik berichten die Forscher über ihre Erfahrungen mit den jüngsten Staatsbürgern.

Eine Wahl bedeute zum Beispiel, "dass die Leute sagen dürfen, wen sie da gut finden und dann irgendwie so Zettelchen in so eine große Tonne schmeißen", erklärt eine Erstklässlerin im Interview. Mag das Faktenwissen auch noch begrenzt sein, so lasse der Kern der kindlichen Aussagen schon staatsbürgerliche Kompetenz erkennen, ist Jan van Deth überzeugt: "Wir konnten mit unserer Untersuchung zeigen, dass praktisch alle Erstklässler schon ein gewisses politisches Grundverständnis haben. Viele machen sich beispielsweise Gedanken über Themen wie Krieg, Welthunger oder Arbeitslosigkeit und sind auch zu politischer Reflexion und Argumentation fähig. Das zeigt uns, dass die Entwicklung zu einer demokratischen Persönlichkeit offenbar schon sehr früh beginnt". Die Analysen seines Teams konzentrieren sich auf die drei Bereiche Themenbekanntheit und -kompetenz, politisches Wissen sowie Werte und Normen der Kinder. In allen untersuchten Bereichen sind klare Einstellungen vorhanden. Darüber hinaus lässt sich deren Weiterentwicklung im Verlauf des ersten Schuljahres feststellen. Das heißt, dass die Schule im Allgemeinen eine positive Wirkung auf politische und gesellschaftliche Kompetenzen und Einstellungen von jungen Kindern hat.

Allerdings sind auch schon zu Beginn des Schullebens Unterschiede in den politischen Orientierungen zwischen Kindern feststellbar. Diese Unterschiede werden in der Studie auf ihren Zusammenhang mit wichtigen Einflussfaktoren wie Geschlecht, Alter und Nationalität untersucht. Während Alter und Geschlecht eine vernachlässigbare Rolle spielen, üben insbesondere die nationale Herkunft sowie der sozioökonomische Status des Wohngebiets, in dem die Kinder aufwachsen, einen erheblich negativen Effekt auf die politischen Orientierungen aus. Diese Einflüsse wirken auch noch am Ende des ersten Schuljahres, was darauf hindeutet, dass das erste Schuljahr die familiär bedingten Unterschiede nicht kompensieren kann.

Im Verlauf des ersten Schuljahres vergrößern sich die Unterschiede in den politischen Orientierungen junger Kinder eher sogar noch. Dabei entwickeln sich Normen und Werte anders als politische Kenntnisse und die Bekanntheit politischer Themen. In den Bereichen Themen und Wissen sind Kinder türkischer Herkunft sowie Kinder aus Stadtteilen mit niedrigem sozioökonomischem Status deutlich benachteiligt. Im Bereich Werte und Normen ergibt sich ein differenzierteres Bild. Zwar weisen die beiden Gruppen auch hier einen Rückstand im Vergleich zu anderen auf. Diese sind insbesondere bei der geringen Unterstützung für Gleichberechtigung von Männern und Frauen sehr deutlich. Werte und Normen im Bereich Bürgertugenden zeugen dagegen von einer gewissen Universalität: "Über soziale und ethnische Gruppengrenzen hinweg findet die Mehrheit der Kinder Bürgertugenden wie Hilfsbereitschaft, Arbeit und Gesetzestreue ziemlich wichtig", erläutert Projektmitarbeiterin Simone Abendschön.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Studie unterscheidet sich nicht nur durch die Fokussierung auf junge Kinder von anderen Studien. Außergewöhnlich ist auch die Befragung von mehreren hundert Kindern, die beim Eintritt in die Grundschule weder lesen noch schreiben können. Trotz dieser methodischen Herausforderung habe die Studie zu überzeugenden Ergebnissen geführt, so Projektleiter van Deth: "Dass Kinder noch keine Vorstellung von Politik haben und ihre Orientierungen daher auch nicht erforschbar sind, ist nach unseren Erfahrungen ein Vorurteil."

Dr. Jan van Deth ist Professor für Politikwissenschaft und international vergleichende Sozialforschung an der Universität Mannheim.
Simone Abendschön ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Demokratie Leben Lernen" am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung.
Dr. Julia Rathke ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Politikwissenschaft und international vergleichende Sozialforschung an der Universität Mannheim.
Meike Vollmar ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Demokratie Leben Lernen" am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung.

Der VS Verlag für Sozialwissenschaften mit Sitz in Wiesbaden ist ein Unternehmen der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media, Berlin.

Kontakt VS Verlag für Sozialwissenschaften:
Karen Ehrhardt
PR-Referentin
Tel.: 0611-7878-394
Fax: 0611-7878-451
E-Mail an Karen Ehrhardt

Bibliografie:
Kinder und Politik
Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr
von Jan W. van Deth, Simone Abendschön, Julia Rathke und Meike Vollmar
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007.
ISBN 978-3-531-15542-5
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