Zuviel Monat am Ende des Geldes

10.09.2009
Lebensmitteltafeln im Spannungsverhältnis zwischen Lob und Kritik | VS-Autor Stefan Selke regt öffentlichen Diskurs an
Wiesbaden, 10.09.2009. Aktuelle Studien belegen: Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland wird immer größer. Durch die Wirtschaftskrise sind die Zahlen von Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern 2009 wieder deutlich gestiegen. Lebensmitteltafeln verzeichnen im Rahmen dieser Entwicklung einen fast unheimlichen Erfolg. Nach Angaben des Bundesverbandes der Tafeln gibt es in Deutschland nach Gründung der ersten Einrichtung 1993 heute bereits 850 Lebensmitteltafeln, die etwa eine Million bedürftige Menschen versorgen, darunter 250.000 Kinder und Jugendliche. Gerüchte um eine Erhöhung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger sorgten Ende Juni für eine Steuerdebatte, die die CDU-Parteispitze zwar dementierte, die aber vor und nach der Wahl weiterhin eine Rolle spielen wird. Eine Erhöhung des Steuersatzes für Lebensmittel würde die Konjunktur von Tafeln weiter vorantreiben. VS-Autor Stefan Selke liefert in Informationen zu einem sich stetig ausbreitenden Massenphänomen.
Meist ehrenamtliche Helfer versorgen über die Tafeln in Deutschland mittlerweile etwa eine Million Menschen mit Nahrungsmitteln aus der Überproduktion der Lebensmittelbranche. Tafeln werden damit immer mehr zu selbstverständlichen Erstanlaufstellen für Menschen in Problem- und Armutslagen und sind derzeit eine der größten sozialen Bewegungen. Laut Herausgeber Stefan Selke sind sie der gesellschaftliche Ort, "an dem sich die Schattenseiten des Kapitalismus und die Andeutungen moralischer Empörung überlagern". Zwei Entwicklungen laufen gegenwärtig zusammen: Auf der einen Seite die um sich greifende wirtschaftliche Krise. Auf der anderen Seite der Erfolg der Lebensmitteltafeln. Ziel des Sammelbandes von Selke ist es, diese Wechselwirkung zu analysieren.
"Der erste, meist lobende Blick auf Lebensmitteltafeln hat aus soziologischer Perspektive nicht lange Bestand. Eine umfassende Analyse ist längst überfällig, denn Tafeln werden die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland noch lange begleiten", so Selke. Tafeln seien zugleich Zeugnis und Erzeugnis eines tiefgreifenden Wandels, der bisher nur in Konturen sichtbar wurde. Meist seien sie unverstanden, weil sie durch eine ganz wesentliche Ambivalenz geprägt sind: Einerseits notwendig, um konkrete Armut vor Ort zu bekämpfen. Andererseits seien sie aber auch systemische 'Armutszeugnisse' einer Gesellschaft, die keine anderen Konzepte kennt, als Tafeln die Funktion von Pannendiensten zuzuschreiben. Laut Selke sind Tafeln auch das Spiegelbild einer hilflosen Gesellschaft, die versucht, die Folgen des teils radikalen ökonomischen und sozialen Wandels wegzuorganisieren und zu rationalisieren.
Der Band von Stefan Selke liefert fundierte Hintergrundinformationen. Die Beiträge legen den Grundstein für das neue Forschungsfeld 'Interdisziplinäre Tafelforschung'. Tafeln werden dabei aus soziologischer, sozialpolitischer, politikwissenschaftlicher, ernährungswissenschaftlicher, historischer und tafelinterner Perspektive analysiert und zugeordnet. Statt eines Ausblicks forciert Selke die Fortsetzung des Diskurses im Internet: Unter steht eine Onlineplattform zur Verfügung, die auf eine Vernetzung von TheoretikerInnen und PraktikerInnen abzielt.
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Bibliografie:
Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
herausgegeben von Stefan Selke
Wiesbaden: VS Verlag 2009.
300 Seiten. Broschur.
EUR 24,90
ISBN 978-3-531-16139-6