Der umgekehrte Werther-Effekt

logo 21.09.2010

Aktuelle Ausgabe der Publizistik zeigt Auswirkungen der Berichterstattung über Selbstmorde auf die Suizidrate

Wiesbaden, 21.09.2010. Immer wieder – vor allem bei prominenten Opfern – wird über die "richtige" Art der Selbstmord-Berichterstattung in den Medien sowie daraus abzuleitende Richtlinien diskutiert. Verleiten entsprechende Meldungen zur Nachahmung oder können sie auch der Abschreckung dienen? In Deutschland ist das Phänomen des so genannten Werther-Effekts bisher kaum untersucht. Die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift Publizistik aus dem Wiesbadener VS Verlag stellt jetzt eine neue quasi-experimentelle Untersuchung vor. Die Analyse der Berichterstattung überregionaler Zeitungen aus den Jahren 2001 bis 2003 kommt zu dem Schluss, dass eine Universal-These nicht haltbar ist und es je nach Suizid-Typ auch einen umgekehrten Werther-Effekt gibt.

Der erste dokumentierte Fall von Medienwirkungseffekten in Sachen Suizid ist Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther", nach dessen Lektüre sich viele junge Männer das Leben genommen haben. In den Sozialwissenschaften wurde die Theoriebildung zu diesem Thema bisher allerdings vernachlässigt. Einigkeit besteht darin, dass der Nachahmungseffekt eine Suizidhandlung zwar auslösen, aber nicht verursachen könne. Außerdem verlaufe die Suizidrate unabhängig von der Berichterstattung in natürlichen Mustern. So sei die Zahl der Suizidfälle umso geringer, je weiter der Monat voranschreitet.

Alice Ruddigkeit hat im Rahmen der Studie vier Cluster von Selbstmordfällen entwickelt: junges Opfer, vage Prominenz, konspirative Umstände und anonymer Täter – besonders für das zweite Cluster lasse sich der klassische Werther-Effekt nachweisen. Mehr als die Hälfte der untersuchten Fälle habe allerdings keine erkennbare Wirkung auf die allgemeine Suizidrate. Vielmehr legt die Studie nahe, dass kurze, deindividualisierte Berichte über anonyme Täter einen umgekehrten Werther-Effekt zur Folge habe – also eher abschreckend wirken. Knapp gefasste, bebilderte Berichte mit vager Prominenz könnten dagegen die Suizidrate negativ beeinflussen.

Weitere Informationen:
www.vs-journals.de

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Pressemitteilung | Coverabbildung Publizistik 03/2010 | Logo Publizistik

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