"Wissensgesellschaft" ante portas?

15.03.2005
Hans-Dieter Kübler hinterfragt einen modernen Mythos
Wiesbaden, 15. März 2005. Die Schlagworte Wissensgesellschaft und Informationsgesellschaft sind in aller Munde. Sie stehen für Fortschrittlichkeit und Innovation. Der Hamburger Medienwissenschaftler Hans-Dieter Kübler geht diesen Begriffen, ihren Voraussetzungen und Inhalten in der Neuerscheinung auf den Grund und hinterfragt kritisch: "Die beiden Begriffe 'Wissen und Information' werden inhaltsleer und beliebig verwendet, der Terminus Wissensgesellschaft ist bislang eine mediale Leerformel. Folgende grundlegenden Fragen werden gar nicht erst gestellt: Was haben diese Etiketten gesamtgesellschaftlich, weltweit und erst recht konkret zu bedeuten? Welche Transformationen oder Indikatoren sind in diesem Zusammenhang wirklich gemeint und was können diese aussagen?".
Die beiden Labels Wissensgesellschaft und Informationsgesellschaft eigenen sich hervorragend für eine "schöne neue Welt", so Hans-Dieter Kübler. Entsprechend inflationär verwenden gerade die Medien diese Begrifflichkeiten. Darin sieht Kübler auch den Grund dafür, dass nicht mehr nach Substanz und Validität der Begriffe gefragt wird.
Denn als zentrale Bedingung für eine - nicht nur dem Mythos verhaftete - Wissensgesellschaft braucht es mehr als die bloße Anhäufung und Verfügbarkeit von Wissen und Information: Menschen müssen dieses Wissen aufnehmen, rekonstruieren, verarbeiten und vor allem für neue Situationen verwendbar machen. Die technischen Entwicklungen und Kommunikatikonstechnologien, meist gleichgesetzt mit den Begriffen Wissens- und Informationsgesellschaft, sind lediglich Hilfsmittel: "Mittel zum Zweck, aber nicht Zweck und Ziel selbst", so Hans-Dieter Kübler. Von zentraler Bedeutung sieht der Autor deshalb Erkenntnisse über die soziale Verteilung, Konditionierung und Prädikatisierung von Wissen in allen Lebensbereichen. Dies erfordert unter anderem eine sehr viel stärker interdisziplinär ausgerichtete Forschung. Erst dann werden verlässlich begründete Aufschlüsse und empirische Anhaltspunkte über die wachsende Bedeutung von Wissen in der Gesellschaft möglich. Bislang sind allerdings Strukturen und Mentalitäten noch nicht hinreichend entwickelt und flexibel genug, um die technologische Komponente des Mythos Wissensgesellschaft zu erfassen, zu deuten und zu nutzen.
Hans-Dieter Kübler, Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg, steht für Hintergrundgespräche oder einen schriftlichen Fachbeitrag gerne zur Verfügung.
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