Wort und Totschlag
28.09.2005
Ein neues Buch erklärt, wie sich Neonazis Feinde schaffen
Wiesbaden, 28. September 2005. Man liest von heranwogenden
Fluten, einer
Invasion von Fremden, einem
Massenmord an deutschen Kriegsgefangenen, einer
Vergangenheitsvergewaltigung, einem sich vollziehenden
Völkermord. Man bemerkt Wörter wie
multikriminell, Schmarotzer, Parasit. In stereotyper Monotonie ist die Rede von
Asylbetrügern und von
fremdrassigen Zuwanderern. Man spricht von einem angeblich drohenden
Volkstod und der Gefahr der
Überfremdung. "Wir Deutschen müssen", heißt es in einem Flugblatt, "die Gefahren der Überfremdung erkennen und den drohenden deutschen Volkstod mit allen Mitteln bekämpfen." Man diffamiert die Gegner der eigenen Ideologie als Kriminelle oder möchte ihre angebliche Minderwertigkeit zum Ausgangspunkt einer umfassenden Diskreditierung machen. Das Muster der Abwertung ist stets: Die Verwandlung des Anderen in ein Gegenüber, das keine Zuneigung, keine Achtung und keinen Schutz verdient.
Das dieser Tage erschienene Buch von Dr. Bernhard Pörksen, Juniorprofessor am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, liefert einen Einblick in eine extremistische Subkultur, deren Schriften nur selten an die Öffentlichkeit gelangen: Es sind die Zeitungen und Zeitschriften, die Flugblätter und Pamphlete zahlreicher neonazistischer Gruppen, die hier detailliert untersucht werden. Der Autor beschreibt die Methoden der Neonazis und analysiert ihre Medien; er skizziert den ideologischen Sprachgebrauch einzelner Gruppen und zeichnet die Erschaffung und Entstehung ihrer Weltbilder nach. Wie entsteht, so lautet die Kernfrage, eine ideologische Wirklichkeit? Wie wird aus dem anderen Menschen ein Gegner? Wie werden Feindbilder konstruiert?
"Bernhard Pörksens Buch macht nicht nur für den Sprachgebrauch der Neonazis sensibel, sondern auch für unsere eigene, allzu oft unbedachte Verwendung von Metaphern und Redewendungen, deren menschenfeindliche Implikationen wir nicht wahrnehmen. Wer das Buch gelesen hat, versteht genauer, wie die sprachliche Konstruktion von Feindbildern vonstatten geht." Prof. Dr. Johano Strasser, Präsident des P.E.N-Zentrums Deutschland
Der Autor steht für Experten-Interviews zur Verfügung (Kontakt über Sonja Vollmer, VS Verlag für Sozialwissenschaften s.u.).
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