Die SPD - Eine Partei zwischen sozialer Idee und bürgerlicher Mitte ?

10.11.2005
Annekatrin Gebauer resümiert über den Richtungsstreit in der SPD der letzten 100 Jahre
Wiesbaden, 10. November 2005. Ein ständiger innerparteilicher Machtkampf um die ideologische Richtung gilt als symptomatisch für eine weit gespannte Volkspartei, die immer verschiedene Gruppierungen enthält. So auch bei den Sozialdemokraten. Die Entwicklungen des letzten Jahres haben dies bestätigt. Aktuelle Folgen: Die Entstehung der Linkspartei aus dem ehemals linken SPD-Flügel sowie Gerhard Schröders Vertrauensfrage und die Neuwahlen. Annekatrin Gebauer zeigt in der Neuerscheinung , dass vor allem der Meinungszwist um die grundsätzliche Ideologie in der SPD eine lange Geschichte hat.
Der Richtungsstreit in der SPD bietet einen historischen roten Faden um den innerparteilichen Meinungsstreit der Sozialdemokraten. Schon in den Personen Karl Marx und Ferdinand Lassalle beginnt der Konflikt zwischen den Anhängern einer visionären Zielvorstellung für die Zukunft und denen einer eher pragmatischen demokratisch-politischen Umgestaltung der Gegenwart. Im Kern zieht sich dieses Credo bis in die heutige Zeit, so Gebauer: "Der Grundsatzkonflikt zwischen rechtem und linkem Flügel hat sich zwar in den Inhalten verändert. Weitgehend gleich bleibt aber die Grundkonstellation, dass die Parteilinke der Identität den Vorrang gibt und ihre Forderung nicht aus der praktischen Bewährung, sondern aus abstrakten Normen herleitet, während der pragmatische Flügel sich zunächst der Problemlösung zuwendet." (S. 247)
Während es inzwischen vielerlei Literatur über die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Linke gibt, vor allem über die Generation der 68er, fehlte laut
Vorwortschreiber Helmut Schmidt (Bundeskanzler aD) "bisher eine sorgfältige Befassung mit der geistigen und der politischen Entwicklung der Mehrheit innerhalb der SPD." (S. 8) Diese liefert Gebauer nun, indem sie den 68ern die eigentliche Mehrheitsmeinung der SPD gegenüberstellt: In den 70er Jahren organisierte sich der sogenannte Seeheimer Kreis, ein Zusammenschluss von Sozialdemokraten, die den Volksparteicharakter der SPD und die Orientierung an der politischen Mitte erhalten wollte. Zwischen den Seeheimern und den 68ern, die programmatisch das Ziel einer weitgehend sozialistisch orientierten Partei verfolgten, entbrannte ein Richtungsstreit, der sich bis zur deutschen Wiedervereinigung hinzog und nicht unerheblich dazu beitrug, dass die SPD 1982 ihre Beteiligung an der Regierung verlor und 16 Jahre lang nicht wieder gewinnen konnte. Genau dieser Konflikt ist nach wie vor aktuell, gibt es doch große Parallelen zum SPD-Zwist der Befürworter und Gegner des Reformkurses Schröders in der letzten Legislaturperiode.
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Bibliografie
Der Richtungsstreit in der SPD
Seeheimer Kreis und Neue Linke im innerparteilichen Machtkampf
von Annekatrin Gebauer
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005.
ISBN 3-531-14764-1