Werden Schüler wirklich immer gewalttätiger?

02.12.2005
Langzeitstudie zum Thema Gewalt an Schulen zeigt, dass die Realität sehr viel differenzierter ist als das durch die Mediendarstellung verzerrte Meinungsbild
Wiesbaden, 2. Dezember 2005. Horrorfilme, Videospielkonsum, Amokläufe, Gewalt an Schulen - immer wieder kommt die Rede auf Fälle schwerer Gewalt von Schülern. In jüngerer Vergangenheit dominieren vor allem Beispiele von Gewalt gegen Lehrer. Wie aber sieht abseits brutaler Einzelfälle wie beispielsweise dem Amoklauf von Erfurt im April 2002 die Gewaltlage an Schulen aus? Diese Frage stellen sich Marek Fuchs, Siegfried Lamnek, Jens Luedtke und Nina Baur in ihrer Langzeitstudie , die gerade im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen ist. Nach 1994 und 1999 ging die Studie nun in die 3. Runde: Auf Basis einer mit 4.523 Schülern nicht nur repräsentativ, sondern auch breit angelegten Befragung kann die Erhebung eine der wenigen verlässlichen Angaben zur Gewaltentwicklung an Schulen über einen 10-Jahres-Zeitraum machen und kommt zu folgendem Ergebnis: Die tatsächliche Gewalt an Schulen ist in der Realität in vielen Bereichen eher rückläufig.
1994 legten Marek, Lamnek et.al. erstmals eine repräsentative Erhebung zur Gewaltlage an allgemein- und berufsbildenden Schulen in Bayern als schriftlich-postalische Befragung an Schülern und Lehrern vor. 1999 erfolgte eine Replikationsstudie, 2004 die 3. Erhebung. Auf diese Weise entstanden vergleichbare Daten, die dezidierte Aussagen über die Gewaltentwicklung an Schulen in der letzten Dekade zulassen.
Einige der zentralen Ergebnisse:
- Die massenmedial vermittelte Vorstellung, wonach Gewalt an Schulen immer häufiger auftrete und immer brutaler wird, muss zurückgewiesen werden.
- Unverändert gilt, dass die Gewaltaktivitäten mit steigendem Bildungsniveau zurückgehen und dass Schüler häufiger in Gewaltaktionen verwickelt sind als Schülerinnen.
- Ein kleiner harter Kern von ca. 2% der Schüler ist für grob ein Viertel aller Gewaltaktivitäten verantwortlich.
- Die Gewaltaktivität in der Schule nimmt mit der Gewaltbelastung in der Familie zu.
- Staatsangehörigkeit und Migration an sich sind für die Täterschaft junger Menschen weniger entscheidend als die damit verbundenen sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen.
- Immer mehr Schüler besitzen zwar eine Waffe, ihr Gewaltniveau aber ist gesunken.
- Der Drogenkonsum bei den Schülern ist relativ konstant bzw. leicht gestiegen. Die Schüler, die Drogen konsumieren, schwänzen statistisch gesehen auch häufiger die Schule. Zudem wirkt der Drogenumgang - gemeinsam mit anderen Faktoren - auch wesentlich auf das Gewalthandeln der Schüler.
Dr. Marek Fuchs ist Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Kassel. Prof. Dr. Siegfried Lamnek ist am Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig. PD Dr. Jens Luedtke ist Oberassistent am Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Dr. Nina Baur ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Marek Fuchs und Siegfried Lamnek stehen für Hintergrundgespräche oder Interviews gern zur Verfügung (Kontakt über Karen Ehrhardt,
E-Mail an Karen Ehrhardt)
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Bibliografie:
Gewalt an Schulen
1994 - 1999 - 2004
von Marek Fuchs, Siegfried Lamnek, Jens Luedtke, Nina Baur
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005.
ISBN 3-351-14628-9